Motopädagogik / Psychomotorik. Warum – wieso – weshalb.

Bewegungslandschaft beim Psychomotorik Kurs

Bewegungslandschaft beim Psychomotorik Kurs

Mittwoch 15 Uhr. Ich sitze auf dem Sofa im Aufenthaltsraum und warte. Alleine. Sohni ist gerade bei dem Psychomotorik Kurs. Oder heißt es doch Motopädagogik? Jedenfalls ebenfalls alleine. Ich bin hungrig und etwas müde, während Sohni volle Action hat.
Es war wahnsinnig stressig rechtzeitig hier zu sein – der Kurs beginnt schon um 14:30 Uhr, wo ich eigentlich erst Feierabend habe. Ich mache dafür eine Stunde früher Schluss, die ich entsprechend montags dranhängen muss. In einer Stunde schaffe ich es nur extrem knapp, leider ist der Kurs nicht in der Nähe vom Kindergarten. Wir waren immerhin nur 5 Minuten zu spät.

Ich bin so ko, dass ich in dieser Stunde „Freizeit“ nicht wirklich was anfangen kann. Irgendwo hin zu gehen zahlt sich kaum aus und wäre wieder nur Stress. Also bleibe ich erstmal hier.

Während ich anfange zu schreiben, höre ich Sohni im Flur herum laufen und nach mir suchen. Irgendwie ist er der Kursleiterin entkommen und möchte nun lieber mit mir ein Buch lesen. Wovon ich nicht begeistert bin, denn ich möchte nicht so einen Stress haben und knappe 200€ bezahlen um letztlich Bücher vorzulesen.

Ich überlege, mit in den Kursraum zu gehen. So geht er immerhin wieder mit zurück. Drinnen habe ich nicht das Gefühl, dass er mitmacht oder nur annähernd tut was vorgesehen wäre. Oder gehört das so? Ich beschließe, mich mal zu informieren was es mit Psychomotorik überhaupt auf sich hat. Schließlich sind wir irgendwie unfreiwillig in diesen Kurs geraten.

Liest man einmal auf Wikipedia nach, lernt man, dass das „ganzheitliche und entwicklungsorientierte Konzept“ Wahrnehmung und Bewegung fördern soll. Stichpunkt Wahrnehmung – Kinderarzt und Kindergartenpsychologin, die bereits extra für Sohni in den Kindergarten beordert wurde – haben bereits festgestellt, dass er irgendeine Art von Wahrnehmungsstörung zu haben scheint. Bisher wurde meist Ergotherapie vorgeschlagen. Nächste Woche haben wir einen Termin zur Diagnostik, da soll dann festgestellt werden, wo genau das Problem liegt, und was wir dagegen tun können. Also Psychomotorik soll die Wahrnehmung fördern, klingt im Grunde perfekt für Sohni.

Der Gründer Ernst Kiphard arbeitete lange mit verhaltensauffälligen, insbesondere beziehungsgestörten und aggressiven Kindern. Ah ja. Ich schiele zu Sohni. Ja, ich kann mir das irgendwie gerade gut vorstellen 🙂 Der Gründer war überzeugt, dass sein spezielles Sportangebot eine positive Wirkung auf die Entwicklung dieser Kinder hätte. Seit dem wurde die Psychomotorik stetig weiterentwickelt und es entstanden verschiedene Richtungen.

Beim Postgraduate Center der Uni Wien, die einen Masterlehrgang in Psychomotorik anbieten, stehen schlaue Sätze wie „Durch Bewegungs- und Wahrnehmungslernen wird die intrinsische Motivation forciert“. Bei der Majewski Akdemie liest man, wie das ganze in der Praxis aussieht:

„Durch die Inszenierung vielfältiger Bewegungsthemen werden die Kinder einer psychomotorischen Fördergruppe in eine Welt der Märchen und Abenteuer geführt. Solche psychomotorischen Szenarien sind beispielsweise Unterwasserexpeditionen, Schatzsuche im Dschungel, selbst erfundene Geschichten und bekannte Märchen. … In diesen Welten spielen die teilnehmenden Mädchen und Jungen verschiedene Rollen. Mal sind sie Helden, mal Gejagte, mal Robinson, mal Rotkäppchen, mal Winnetou, mal Aschenputtel, um dann wiederum Tarzan zu sein. … Durch das Wechselspiel von Nehmen und Geben, Initiative ergreifen und sich zurücknehmen, Sich einordnen und Verantwortung übernehmen, Erfolge feiern und Misserfolg aushalten, profitieren alle Kinder.“

Im Kursraum beobache ich, wie sich Sohni irgendwie total daneben benimmt. Also für ihn eh normal, aber… naja, schwer zu beschreiben.Ich frage mich, ob der Sinn und Zweck der Psychomotorik auch erreicht wird, wenn das Kind gar nicht mitmacht. Während die Kinder im Kreis sitzen und sich erzählen, wie sie die Stunde fanden, nimmt Sohni eine Transporttasche der Kursleiterin auseinander und macht sie kaputt. Als er sie nicht noch kaputter kriegt, macht er sich an einem Buch zu schaffen. Die Leiterin ermahnt ihn, da das Buch aus der Bücherei ausgeliehen ist. Schließlich muss sie es ihm wegnehmen, er hört nicht.

Ich möchte im Boden versinken und die Kursleiterin tut mir gerade unendlich leid, dass sie neben den anderen Kindern, die sich in meinen Augen „normal“ verhalten, auch noch Sohni aufgehalst bekommen hat. Aber sie war es ja, die sagte er sei dort gut aufgehoben, jedenfalls besser als im Familien Yoga. Am Ende der Stunde entschuldige ich mich bei ihr, und sage ihr, dass sie mir leid tut, dass sie nun so einen Stress mit ihm dort hat. Sie formuliert nett, er sei nur eine Herausforderung. Aber wie sie im Kindergarten mit ihm umgehen, würde sie gern wissen. Ich sage ihr, dass es dort vier Betreuerinnen gibt und das meist daher kein Problem sei. Sie sagt mir dann noch, dass es besser ist, wenn ich nicht dabei bin. Das glaube ich jetzt einfach mal 🙂

Nächste Woche sind offenbar Schulferien (sowas bekommt man als Kindergartenkind-Mutter einfach nie mit), und das Institut ist geschlossen. Die Woche darauf findet der Kurs zwar statt, aber Sohni und ich sind im Urlaub. Ich gönne der Kursleiterin eine erholsame Stunde ohne Sohni 🙂

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3 Gedanken zu “Motopädagogik / Psychomotorik. Warum – wieso – weshalb.

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