Wahrnehmungsstörung – „Hilfe, mein Kind ist gestört“

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Wenn ich jetzt mal sage „Boah, Sohni ist echt gestört“ darf mich niemand mehr schief anschauen. Ich habe es schwarz auf weiß! Auch wenn heute erst das Erstgespräch der Entwicklungsdiagnostik stattgefunden hat. Es folgt eine (wie ich finde) recht umfangreiche Blutuntersuchung, ein Entwicklungs-Test nach Denver, und dann wahrscheinlich noch ein EEG. Danach soll es eine endgültige Diagnose geben, wobei die Ärztin sagte, die Diagnose sei ohnehin schon sicher, sie müsse sie nur untermauern. „Wahrnehmungsstörung“ steht auf dem Schreiben, dass ich heute schon mitbekommen habe. Was das genau heißt und was man dagegen tut, weiß ich noch nicht. Es wird wohl auf Ergotherapie hinauslaufen.

Da ich sonst noch nichts großartig dazu erzählen kann, berichte ich mal wie es überhaupt dazu kam, dass ich ihn habe untersuchen lassen.

Ich hatte den Termin zur Entwicklungsdiagnostik schon mit dem Verdacht auf Wahrnehmungsstörung vereinbart. Der Kinderarzt hatte vor einem Jahr schon „mangelnde Impulskontrolle“ vermutet und gesagt, wir sollen zur Ergotherapie gehen, oder besser noch uns an ein Entwicklungszentrum wenden und abklären lassen. Nun ja, das gestaltete sich etwas schwierig, bei jedem Anruf bei einem solchen Zentrum bat man mich in 2-3 Monaten wieder anzurufen, da nicht einmal mehr auf der Warteliste Platz sei. Bei meinem letzten Anruf bat man mich, gar nicht mehr anzurufen 😀

Die Vermutung mangelnde Impulskontrolle kam von dem ständigen Kneifen. Sohni zwickt leider ständig, und ziemlich doll 😦 Aber nicht aus Bosheit, das habe ich schon früh bemerkt. Meistens kneift er Erwachsene, wenn er Nähe sucht oder gerade kuschelt. Manchmal schon direkt nach dem Aufwachen, oder wenn er noch gar nicht richtig wach ist. Ältere Kinder fühlten sich von ihm geärgert, den kleineren ging es nicht viel besser. Bösartigkeit, Gemeinheit und ich weiß nicht was wurden ihm unterstellt. Bei einem Besuch bei meinen Eltern fing man an, ihm nach jedem Kneifen auf die Hand zu hauen, damit er versteht, dass das so nicht geht. Heute weiß ich, warum er das tut: Er spürt sich nicht. Und auch mich nicht, wenn er kuscheln will. Er braucht extrem starke Berührungen, um überhaupt etwas zu spüren. Wenn er meine Nähe sucht, sich an mich rankuschelt und mich spüren will, muss er mich kneifen – sonst spürt er mich nicht. Das hat mir auch die Ärztin heute bestätigt. Was habe ich mit dieser ständigen Kneiferei schon geflucht und geschrien. Aber irgendwann habe ich gelernt zu bemerken, wann er schon dazu ansetzt und kann es gleich stoppen. Andere Kinder oder Erwachsene zwickt er natürlich noch immer :-/ Übrigens hat die Ärztin heute gesagt, mangelnde Impulskontrolle sei nicht gegeben.

Im früheren Kindergarten, also in der Krippe, wurde oft erzählt dass Sohni versucht, andere Kinder zu umarmen und sie dabei regelrecht zerquetscht. Er ist für sein Alter schon immer sehr groß und schwer gewesen und hatte auch entsprechende Kraft, die er leider nicht einschätzen kann. Das ist natürlich normal, jedes Kind muss das erst lernen. Für ihn ist das jedoch noch immer schwer, da er wenig spürt. Er spürt nicht, wo sein eigener Körper aufhört und der andere anfängt. Er hat auch kein Gespür für Distanz. Er spürt nicht, wann er jemandem zu nahe kommt. Sehr wohl stört es ihn aber, wenn ihm andere zu nahe kommen – nur sind diese dann oft noch mehrere Meter entfernt!

Oft dreht er regelrecht komplett auf, ist wild und laut, ungestüm – irgendwie normal für Jungs, könnte man meinen. Und meinen tatsächlich auch viele. Aber ich hatte immer das Gefühl, es ist einfach etwas too much, so im Vergleich zu anderen. Wir wurden ja auch nicht umsonst aus dem Familien Yoga geworfen 😉 Vielleicht denkt jede Mutter ab und zu, dass ihr Kind besonders schlimm, schrecklich und auffällig ist. Ich gehe mit Sohni ungerne irgendwo hin, weil gerade Ortswechsel/Situationswechsel ihm entweder extrem zu schaffen machen und er komplett ausrastet, es also gar nicht so weit kommt, oder aber ich es schaffe ihn rauszuschleifen, er dort dann aber durch die ungewohnte Situation so furchtbar aufgeregt ist, dass er sich komplett daneben benimmt. Die Ärztin meinte heute bemitleidend, ich hätte es schon nicht leicht, nachdem sie ihn beobachtet hatte. Aber sie lobte mich auch und sagte wir seien sehr harmonisch miteinander. Immerhin 🙂 Sie sagte, er hätte es nicht leicht, weil alles auf ihn hereinprasselt, alle Reize und Einflüsse von außen, vielleicht hat er auch Schwierigkeiten alles zu filtern.

Ein totaler Pluspunkt dieser Sache ist – er ist vollkommen Schmerzunempfindlich. Wenn er hinfällt, sich stößt, oder von einem anderen Kind gehauen wird, das alles hat ihn von Anfang an ziemlich kalt gelassen. Das fand ich schon immer toll an Sohni, jetzt weiß ich aber auch, woran es liegt. Nach wie vor gilt: Plärrt er, wars wirklich schlimm.

Wie gesagt, so ganz genau weiß ich ja noch nichts, außer dass er eine Wahrnehmungsstörung hat. Die nächsten 2-3 Wochen wird sich näheres zeigen. Aber erstmal fahren wir in den Urlaub. Ein Ortswechsel, uiuiui – nicht so beliebt bei Sohni. Drückt mir die Daumen, dass alles klappt 😉

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4 Gedanken zu “Wahrnehmungsstörung – „Hilfe, mein Kind ist gestört“

  1. Liebe Mireya,
    wie ich schon einmal sagte, Dein Sohni hat hier eine große Schwester.
    Es ist ein bißchen, als würdest Du über meine Jüngste schreiben. Sie ist ja jetzt 13 und jetzt inzwischen nicht mehr so (es wird also mit viieeeel Geduld besser!).
    Diese Tests haben wir auch gemacht, auch Ergotherapie und alles. Mich haben auch immer alle mitleidig angeschaut. Als meine Jüngste so alt war wie Dein Sohn hab ich immer gesagt: „Wenn man es genau betrachtet ist mein Kind perfekt so wie es ist. Sie kommt sehr gut mit sich klar, nur die Welt um sie herum nicht mit ihr. Also muss sich doch die Welt um sie herum ändern, und nicht sie.“

    „Wahrnehmungsstörung“ heißt nicht zwangsläufig, dass da etwas kaputt ist. Oftmals hängt so eine Wahrnehmungsstörung auch mit einer Hochbegabung zusammen. Man bekommt viel zu viel mit, und kann das aber gar nicht alles filtern.
    Stell Dir vor, Du sitzt an einer Haltestelle an einer vielbefahrenen Straße. Autos hupen, Reifen quietschen, Vögel zwitschern, Leute reden. Selbst wenn es entfernt ist, hörst Du alles in gleich lauter Lautstärke. Irgendwo flattert ein Schmetterling und Du hörst die Flügel schlagen. So laut wie die hupenden Autos. Irgendwann kann man sich nicht mehr konzentrieren und schaltet ab, auch die Berührungen. So ähnlich war das bei uns. Meine Jüngste hat früher nie gekuschelt – jetzt ist das anders.

    Wenn Du Dich mal beobachtest – wie viel davon steckt auch in Dir?

    Wir kommen jetzt damit gut klar. Unsere Ernährung (hilft ja auch bei Alzheimer) trägt ihr übriges dazu bei, dass wir normal leben können. Was auch immer „normal“ eigentlich bedeutet.

    Ergotherapie ist keine schlechte Sache, vor allem für Dich gibt es eine geplante Auszeit.
    Bei uns gab es dann noch Spieltherapie mit anderen Kindern, um das Miteinander zu verbessern. Auch wieder ohne mich und Zeit, selbst ruhiger zu werden.

    Aber: Gestört sind unsere Kinder nicht. Anders, ja. Aber nicht gestört 🙂

    Fühl Dich gedrückt! Liebe Grüße, Karen

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    • Danke liebe Karen! Aber ein bisschen gestört ist der kleine Kerl so oder so 😀
      Hat denn die Ergotherapie bei deiner Jüngsten eigentlich geholfen? Ich hoffe ja, dass man mit dem nächsten Test diese Wahrnehmungsstörung etwas eingrenzen kann, damit man gezielt etwas dagegen tun kann.
      Eben sowas wie du beschreibst, wenn z.B. das Problem wäre dass er die ganzen Geräusche etc. nicht filtern kann, das stelle ich mir sehr anstrengend vor. Ich denke, es hilft auch schon wenn man es weiß, dann kann man auch entsprechend reagieren. So habe ich oft nur gedacht, er spinnt 🙂

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    • „Gestört“ klingt so abwertend … Vielleicht nicht gestört, nur „anders“. 🙂
      Weil: Normal kann ja jeder, anders sein dagegen ist cool. Das ist unser Lebensmotto geworden.
      Die Ergotherapie war vermutlich zu spät, da war sie schon 7 oder 8, ich weiß es gar nicht mehr. Man kann das so schwer messen, ob sie was gebracht hat oder nicht, aber ich denke schon.
      Vorher war sie bei der Logopädie, da ging es auch viel um das „sich selbst spüren“, wie laut oder leise ist man, welche Gefühle hat man eigentlich und wie drückt man diese Gefühle aus?
      Wenn ihr Platz habt, ich kann Dir ein Trampolin empfehlen. Das habe ich in der Ergotherapie gelernt: das Hüpfen auf einem Trampolin baut sehr schnell den Stress ab, den so ein kleines Kind mit sich rumträgt. Denn es ist wirklich sehr anstrengend. (Das mit dem Trampolin funktioniert auch bei Erwachsenen 🙂 )
      Oft hab ich sie gebeten, mir doch mal zu erzählen, wie sich das anfühlt, was da in ihrem Kopf passiert. Das hat viele, viele Monate gedauert, aber irgendwann konnte sie es. So lernt man sich besser zu verstehen und kann aufeinander eingehen.
      Ich fand es bei meinen Mädels wichtig, dass sie nicht versuchen sich anzupassen, sondern einfach sind wer sie sind. Darin hab ich versucht sie zu bestärken, und ich glaube das ist mir gut gelungen. Sie sind immer noch „anders“, aber selbstbewusst anders.
      Das eine Patentrezept gibt es leider nicht, es braucht viel Geduld, Verständnis und Durchhaltevermögen.
      Fühl Dich umarmt!
      Liebe Grüße, Karen

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  2. Pingback: von der Diagnostik zur Therapie zur Diagnostik – und zurück | Mutter.Mit.Kind

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