Bloß nicht fragen! Das Leid der falschen Formulierung

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Vor über einem Jahr war ich schonmal bei einer Familienpsychologin. Wegen chronischer Überforderung. Die hat sich dann mich angeguckt, Sohni angeguckt und uns beide zusammen angeguckt. Wie wir so miteinander umgehen. Und sie stellte fest (genau wie die Psychologin vor kurzem, wo wir wegen der Wahrnehmungsstörung waren), dass wir total super miteinander können. Ich sehe das nicht immer so, und Sohni vermutlich auch nicht. Aber grundsätzlich sind wir prima miteinander. Nur eine Sache ist ihr damals aufgefallen, die ich oft „falsch“ mache. Ich stelle zu viele Fragen!

Das lief damals so ab, dass sie uns quasi beobachtet hat, während wir eine Stunde dort waren. Am Ende der Stunde fragte sie mich, ob mir eigentlich bewusst sei, wie oft ich ihn frage, ob er etwas tun möchte. Nämlich anstatt ihm zu sagen, dass ich möchte, dass er nun xy tut. Beispiel: Er öffnet die Tür, ich will dass er sie wieder schließt. Richtig(er) wäre zu sagen: Mach bitte die Tür wieder zu. Punkt. Ich aber frage: Machst du bitte die Tür wieder zu? Und gebe ihm damit die Möglichkeit, auch einfach nein zu sagen. Was er auch in Anspruch nahm, er sagte dann teilweise einfach nein, mach ich nicht. Was mich wiederum irritierte (denn es war ja gar nicht meine Absicht ihm die Wahl zu lassen) und ich sagte dann „äh, doch, mach jetzt die Tür zu“. Die Psychologin damals hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich mich nicht wundern brauche, wenn ich ihm mit der Frage die Option gebe Nein zu sagen, dass er das dann auch tut. Ich soll ihm klar sagen, dass er etwas tun soll, anstatt ihn zu fragen, ob er doch bitte vielleicht, wenn er gerade Lust und Zeit hat, etwas tun könnte. Oder eben auch nicht.

Nachdem sie das sagte ist mir erstmal aufgefallen, wie oft ich eigentlich in Fragen rede. Quasi den ganzen Tag. Mit jedem! Ich will, dass jemand etwas für mich tut. Aber ich sage das nicht, ich frage den jenigen. Ist das nicht verrückt? Unter Erwachsenen könnte man noch sagen, das ist höflich. Mag sein. Die wissen aber in der Regel auch, dass ich ihnen nicht ernsthaft die Wahl lasse. Aber woher soll ein 2jähriger erahnen, dass ich mit „legst du das bitte wieder zurück??“ eigentlich meine „leg das jetzt sofort wieder zurück!“ Das ist nämlich ein ziemlicher Unterschied.

Du glaubst gar nicht, wie oft ich mir nach diesem Gespräch auf die Zunge gebissen habe, während ich mal wieder dabei war einen „Befehl“ als nette Frage zu tarnen. Mit viel Mühe habe ich versucht, diese Gewohnheit zu ändern. Irgendwann ist das aber wohl wieder in Vergessenheit geraten. Und am Mittwoch beim Denver Test wieder aufgetaucht. Anscheinend bin ich in dieses alte Muster zurückgefallen, denn die Versuchsleiterin gab mir hinterher den Tipp, meine Anliegen an Sohni nicht als Fragen zu formulieren. Das würde ich nämlich die ganze Zeit tun. Räumst du das bitte wieder auf? Gehst du mal da runter? Setzt du dich mal hier hin?

Ab sofort achte ich wieder drauf. Es heißt jetzt: Räum das bitte wieder auf. Punkt. Geh mal da runter. Punkt. Setz dich mal hier hin. Punkt. In Klammern: Keine Diskussion, und keine Wahlmöglichkeit. Ende der Geschichte.

Übrigens ist mir dann noch eingefallen,wie ich vor ein paar Wochen einer Kollegin ein Telefonat verbinden wollte und sagte, nein, fragte: Kannst du bitte das Gespräch hier übernehmen? Sie lachte und sagte, wenn du so fragst, hab ich die Option nein zu sagen, oder? Ich antwortete, äh, nein, eigentlich nicht. Sie übernahm das Gespräch natürlich. Ich bin unerbittlich, das weiß nicht nur Sohni, sondern auch alle anderen die mich kennen 😉

Fazit: Nicht höflichkeitsfloskelnd herumfragen und so tun als gäbe es eine Option, die es gar nicht gibt. Man kann eine Aufforderung genauso höflich und nett formulieren. Und dann gibt es keine Missverständnisse beim Sendungsempfänger. Weder bei Kindern, noch bei KollegInnen 😉

 

 

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2 Gedanken zu “Bloß nicht fragen! Das Leid der falschen Formulierung

  1. Ich versuche immernoch dazu die kausalität klar zu machen, ich mag es nicht das gefühl zu haben über die beiden zu verfügen..und ich lasse ihnen auch so oft es geht die option, nein zu sagen, ich denke nein sagen nicht aberzogen zu bekommen ist wichtig. Darum ist es meiner meinung nach gerade wichtig zwischen optionsfreiheit und klarer aufforderung zu unterscheiden. Mir fällt auch auf, dass es schwer ist und, dass es eine weile braucht, aber auch, dass es sich lohnt!!! Wenn ich mit den kindern spreche, gelingt es mir in der regel mittlerweile negationen zu vermeiden, ich sage, dass sie bitte trocken bleiben soll, anstatt, dass sie sich bitte nicht nass macht, das llappt mittlerweihle wunderbar, andere schauen mich manchmal nur blöd an, dafür fangen meine kinder aber auch nicht irgendwo runter, weil ich sage, passt auf, dass ihr oben bleibt, anstatt, fall da nicht runter, plums, ich frage auch nicht, obs weh getan hat, sondern, ob sie wieder aufstehen, wenn sie hinfallen und woĺa, sie weinen nichtmal bei impfungen, oder bei schirfwunden…sprache macht so viel…

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    • Stimmt, da hast du recht, Nein sagen ist etwas wichtiges und viele Erwachsene können das nur noch schwer. Negationen vermeiden wende ich hauptsächlich für mich an, also für meine Gedanken. Ich lebe da irgendwie man dem Motto „nicht weg vom Problem, sondern hin zur Lösung“. Ich hab mir allerdings noch nie darüber Gedanken gemacht, dass auch sprachlich umzusetzen, vorallem beim Reden mit Kind. Danke für den Tipp!
      Ich frage allerdings auch nie, ob er sich wehgetan hat, wenn er hinfällt. Ich frage immer „Ist alles ok?“ Vielleicht mache ich es also ohnehin schon automatisch so. Ich werde mal darauf achten. Schon spannend wenn man sich mal überlegt, was und wie man so redet den ganzen Tag.

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