Von Zeichentrick-Familienmodellen und Papa-Fragen

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Sohni ist es von Geburt an gewohnt, „nur“ eine Mutter zu haben. Sein „Vater“, ich sage mal besser Erzeuger, hat ihn nach der Geburt nur 4 mal besucht, beim letzten Mal war Sohni 5 Wochen alt, seit dem ist Funkstille. Für ihn ist ein Vaterloses Leben die totale Normalität. Und ich bin froh, dass es so ist. Denn er vermisst dadurch absolut nichts.

Er ist jetzt 3 1/2 und weiß natürlich, dass es auch Papas gibt. Seine Freunde haben welche, auch wenn bei Treffen in der Regel nur einer davon präsent ist. In seinen Kinderbüchern kommen Papas vor. In den Fernsehserien, die er schaut, kommen Papas vor. Im Kindergarten werden die anderen manchmal von einem Papa gebracht oder abgeholt. Ich weiß von Kindern, die schon früher nach ihrem Papa fragen. Einmal habe ich in einem Facebook Kommentar gelesen, dass die einjährige Tochter bereits Fragen stellt. Das ist mir deshalb in Erinnerung geblieben, da Sohni mit einem Jahr noch gar nicht sprechen konnte, und außerdem bis heute nie nach Papa gefragt hat.

Für ihn ist es seine Lebensrealität. Er hinterfragt sie nicht. Noch nicht. Ich bin mir sicher, bevor er selbst nach seinem Papa fragen wird, werden es andere Kinder tun. Kinder, die mit Mutter und Vater aufwachsen. Für die es exotisch erscheint, keinen Papa zu Hause zu haben. Merkwürdig. Anders eben. Dabei sind sie in den Medien ohnehin schon mit Ein-Eltern-Familien konfrontiert, ohne es zu merken.

Als ich schwanger war, dachte ich im Fernsehen würden sicherlich nur „klassische“ Familien dargestellt werden. Erst vor einem halben Jahr ist mir aufgefallen, dass das überhaupt nicht der Fall ist. Aber hier kommen diese anderen Familienmodelle so selbstverständlich rüber, dass sie kaum jemandem auffallen. Hier eine – sicher vollkommen unvollständige – Übersicht. Ich bin sicher, bei einigen denkst du „ah, stimmt…“ 🙂

Serien mit „unklassischen“ Familienverhältnissen

Willi Wiberg – ein kleiner Junge der mit seinem Vater zusammen lebt.

4 1/2 Freunde – 3 Jungs, 1 Mädchen, 1 Hund. Einer der Jungs lebt bei seiner alleinerziehenden Mutter – wird in mehreren Folgen thematisiert, z.B. als sie einen neuen Partner findet.

Weißt du eigentlich wie lieb ich dich habe – der kleine braune Hase lebt mit dem großen braunen Hasen, seinem Vater, zusammen. Eine Mutter kommt in der Serie nicht vor.

Aschenputtel – eine klassische Patchworkfamilie! Mutter tot, Vater mit neuer Frau verheiratet, 2 Stiefschwestern dazu, Vater dann leider auch verstorben. Stiefmutter übernimmt Mutterrolle.

Ritter Rost – Prinzessin Magnesia hat einen Vater, König Bleifuß, aber keine Mutter.

Hexe Lilli – Lilli hat keinen Vater, oder? Mir wäre noch keiner aufgefallen, kenne allerdings nicht jede Folge 🙂

Heidi – beide Eltern gestorben, wird zuerst von der Tante großgezogen, lebt dann beim alleinerziehenden Großvater.

Pippi Langstrumpf – ihre Mutter ist tot. Pippi ist allerdings überhaupt ein totaler Sonderfall, ihren abwesenden Vater kann man schlecht alleinerziehend nennen – sie ist selbsterziehend 😉

Findet Nemo – keine Ahnung, was mit der Mutter passiert ist, jedenfalls gibt es nur einen Vater.

Drachenzähmen leicht gemacht – der Vater von Hicks ist im 1.Teil alleinerziehend, die Mutter tot. Ändert sich im 2.Teil wieder (ups, Achtung: Spoiler ;-))

Donald Duck – so wie überhaupt alle in Entenhausen: hier werden alle von ihren Onkeln oder Tanten großgezogen 😉

Dino Dan – Dan und sein Bruder haben nur eine Mutter, die dazu einen eher „typisch männlichen“ Beruf auszübt: Sie ist Polizistin. [Danke R.]

Winnie Pooh: Kanga ist alleinerziehende Mama von Ruh [Danke N.]

Das Grüffelokind: Der Grüffelo ist der Papa, eine Mama gibt es nicht

Gilmore Girls: Ok, keine Kindersendung, aber der Klassiker unter den Alleinerziehende-im-Fernsehen, oder? 😉

Hm, irgendwie überproportional viele Singleväter im Fernsehen unterwegs, oder? Es gibt sicher noch viel mehr Serien, die nicht das traditionelle Vater-Mutter-Kind Modell zeigen. Und das ist gut so, denn es gibt inzwischen viele Familienmodelle, die so häufig vorkommen, dass sie keine Außenseiterposition mehr einnehmen können. Ein-Eltern-Familien sollten auch in Kinderserien selbstverständlich sein. Wozu mir allerdings nichts einfällt sind gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern im Fernsehen.

Und wegen denen komme ich überhaupt auf das Thema: Während meiner Schwangerschaft habe ich für eine Studie ein lesbisches Paar mit Kind interviewt. Ich weiß nicht mehr, ob ich zu dem Zeitpunkt noch mit dem Kindsvater zusammen war oder nicht. Jedenfalls ist mir nachhaltig in Erinnerung geblieben, dass sie sich spezielle Bücher rausgesucht hatten, die dieses Familienmodell darstellen. Sie hatten sogar einige Bücher dem Kindergarten geschenkt, den ihr Sohn besuchte. Einfach, damit die anderen Kinder dort etwas davon hören dass es Kinder mit zwei Mamas, oder zwei Papas gibt. Damit es nicht fremd erscheint, sondern zur Normalität wird. Wie Patchworkfamilien. Aha, du hast zwei Mamas. Cool, ich hab nur eine. Oder gar keine. Dafür einen Vater und eine Tante, und zwei Omas. Oder so.

Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie ein Kind zu Mutter und Vater nach Hause kommt und sagt, du, der xy hat gar keinen Papa. Und die Eltern beschämt herumdrucksen, überrumpelt von der Frage, wie denn das sein kann. Nun, der arme, man wisse ja aber nicht was da vorgefallen sei, vielleicht hatten sich die Eltern nicht mehr lieb, vielleicht ist ja der Papa gestorben, vielleicht vielleicht. Die Reaktion die ich mir von anderen Eltern wünschen würde ist: Aha. Also so wie Hexe Lilli? Die hat ja auch keinen Papa. Oder der kleine Braune Hase, der hat nur einen Papa. Manche Kinder haben aber auch zwei Mamas, und keinen Papa. Und andere Kinder haben eine Schwester, andere nicht.

Jede Familie ist eine Familie, so wie sie ist. Egal wieviele Familienmitglieder sie hat. Du und ich – wir sind Familie.

 

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3 Gedanken zu “Von Zeichentrick-Familienmodellen und Papa-Fragen

  1. Die Mutter von Nemo in „findet Nemo“ wurde wie seine Geschwister von einem Barrakuda gefressen (und Nemos Ei wurde verletzt, deshalb die kleinere Flosse)

    Mir ist aufgefallen, dass bei viellen Alleinerziehenden in Filmen und Co der andere Elternteil entweder ohne Erklärung nicht da oder gestorben ist. Getrennt lebend Eltern gibt es selten.

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: (k)eine ganze Familie? | Mutter.Mit.Kind

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