„Die Leihoma“ – ein Drama in sieben Akten

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Die Leihoma. Es folgt ein irritierendes Drama in sieben Akten.

1.Akt

Ich lese etwas über ein Projekt wo Freiwillige, also Ehrenamtliche, an Alleinerziehende vermittelt werden die dann ca. 1x pro Woche auf das Kind aufpassen. Es soll eine winwin Situation für beide sein – für die Freiwillige, die vielleicht nicht mehr im Berufsleben ist und sich sozial engagieren will und/oder Zeit mit Kindern verbringen will.

Die Alleinerziehende soll durch das Projekt entlastet werden. Die Freiwillige übernimmt ein mal pro Woche Aufgaben wie Kind vom Kindergarten/Schule abholen, Hausaufgabenbetreuung, Freizeitgestaltung, evtl. in Ausnahmefällen mal Abendbetreuung bei Elternabenden oder im Krankheitsfall.

Das ist so eine geniale Idee – da musste ich mich anmelden! Denn was mir als Alleinerziehende am meisten fehlt ist eine zweite Betreuungsperson, da ja auch meine restliche Familie nicht in der Nähe lebt. Nach einer gewissen Wartezeit wurde ich angerufen, ich hatte noch ein persönliches Gespräch (zuvor musste ich schon einen Fragebogen schicken) und mir wurde schließlich eine Person vermittelt, von der man glaubte, es könne gut passen.

2.Akt

Ich lerne die Leihoma kennen. Wir treffen uns in der Strandbar Herrmann, Sohni spielt im Sand, sie trinkt einen Sommerspritzer, ich einen Latte Macchiato. Sie ist nett, war früher Volksschullehrerin (kennt sich also mit Kindern aus?), hat 2 erwachsene Kinder und einige Enkel. Sie hat schon früher ehrenamtlich gearbeitet, meistens mit Menschen mit Behinderungen. Das hat sie jetzt eingeschränkt, möchte lieber mehr mit Kindern arbeiten. So weit so gut.

Ich plane, dass sie Sohni freitags vom Kindergarten abholt und ich nach der Arbeit nicht direkt nach Hause fahre, sondern ein bisschen bummle oder sonstwas mache. Wir holen ihn ein paar mal gemeinsam ab, wobei sie beim zweiten Mal unabgemeldet nicht auftaucht. Am Abend ruft sie an, um sich zu entschuldigen. Sie bekommt einen eigenen Schlüssel. Ich hoffe, dass sie nicht einfach mal nicht kommt, während ich mich auf sie verlasse.

3. Akt

Es geht los: Sie holt ihn ab. Das erste mal alleine (ich hoffe, sie kommt wirklich…) – ich fahre in den Baumarkt und besorge eine neue Lampe. Ein Blick aufs Handy-  ein verpasster Anruf der Leihoma. Mailbox: Sie hat Sohni geholt, bekommt aber die Tür nicht auf. Sie hofft, ich komme bald. Ich rufe sie zurück, sie geht nicht ran. Ich male mir aus, wie die zwei vor der Tür herumstehen und nicht in die Wohnung können. Ich hetze nach Hause, obwohl ich noch etwas erledigen wollte. Aber was solls, sie geht nicht ans Telefon. Sonst hätte ihr erklären können, woran es scheitert (das Schloss ist etwas tricky), oder ihr zumindest den Weg zum Spielplatz erklären können, damit sie nicht auf der Straße herumstehen müssen.

Als ich endlich ankomme, sind sie in der Wohnung…. Beim zweiten Anlauf konnte sie die Tür scheinbar öffnen, sie hielt es nicht für nötig mir das zu sagen. Nun gut, kann ja mal vorkommen.

4. Akt

Wir haben mittlerweile Anfang Dezember. Ich habe einen super coolen Playmobil Piraten Adventkalender gekauft und freue mich, Tag für Tag mit Sohni die Piratenlandschaft zu erweitern. Eines Tages lasse ich den Kalender, den ich sonst auf einen Schrank stelle, auf dem Tisch stehen – die Leihoma wird Sohni abholen und ich denke mir es wäre nett, wenn sie dann zusammen ein Türchen öffnen.

Als ich nach Hause komme, läuft mir Sohni freudig entgegen. Mit einem Playmobil Teil in der Hand, dass – ich weiß es genau – in Tür Nr. 23 war. Wir hatten Tag Nr. 5. Ich hatte aber auch nicht dazugeschrieben, dass sie nur EIN Türchen mit ihm öffnen soll………………………………………………………

5. Akt

Leider fängt Sohni an beim Abholen sehr schwierig zu werden. Schwierig im Sinne von, er rastet komplett aus wenn er abgeholt wird – die damals noch nicht diagnostizierte Wahrnehmungsstörung zeigt ihre ganze Pracht 😉 Nach einigen Malen sagt sie mir, dass sie das nicht mehr schafft. Was ich vollkommen verstehe, denn zu der Zeit habe ich es selbst kaum geschafft, und hätte ich es nicht tun müssen, hätte ich mir das niemals freiwillig angetan.

Ich versuche eine Lösung zu finden, damit ich sie nicht verliere. Immerhin bezahle ich sie nicht, und ich kann mich mehr oder weniger auf sie verlassen. Inzwischen ist sie auch schon 2x am Abend eingesprungen, z.B. einmal bei einem Elternabend wo mir kurzfristig jemand anderes absagte. Einem geschenktem Gaul schaut man nicht ins Maul, oder so? Und ich habe sonst niemanden, fühle mich irgendwie abhängig.

Ich melde mich bei einem Sportkurs an. Sie soll dann einfach Montags abends kommen, dann braucht sie ihn auch nicht abholen und alles ist gut. Sie ist einverstanden und es läuft relativ gut zu Hause.

6. Akt

Februar. Ich komme nach dem Sport nach Hause und die Leihoma ruft mir zu, dass Sohni „etwas angemalt“ hat. Mit Sachen aus dem Badezimmer. Ich schaue vorsichtig hinein und finde eine Verwüstung meiner Schminksachen vor. In einer Kassette von Lidschatten befinden sich Tapser mit allen vorhandenen Farben, die auch sonst überall verteilt ist. In Sohnis Gesicht und im Wohnzimmer. Ich stelle mir langsam die Frage, ob ich die Lässigkeit der Leihoma (ich habe dir gesagt die Mama wird das nicht wollen….) gut finden soll oder nicht.

7. Akt

Montag, 2.Mai. Die Leihoma kommt, ich will zum Sport. Sie kommt mir komisch vor. Sie wankt. Ich finde, es könnte sein, dass sie nach Alkohol riecht. Ich bin unschlüssig, traue mich nicht sie direkt darauf anzusprechen. Warum eigentlich? Ich bin normalerweise sehr direkt – nur nicht bei Menschen von denen ich glaube von ihnen abhängig zu sein. Sie setzt sich, zieht ihre Jacke nicht aus. Wirkt irgendwie betrunken. Ich frage sie, wie ihr Tag war, ob alles in Ordnung ist etc. Alles gut, sagt sie. Ich gehe runter, richte meine Sachen her. Bin unschlüssig. Soll ich gehen? Wenn sie wirklich betrunken ist, kann ich sie doch nicht alleine lassen? Ich gehe nochmals hoch. Ich bin unsicher – ist sie wirklich betrunken?? Ich zweifle an dem Geruch. Könnte auch etwas anderes sein. Ich frage sie, ob es ihr wirklich gut geht, oder ob sie lieber nach Hause gehen möchte. Nein nein, sagt sie. Ich soll ruhig gehen, sie bleibt hier.

Ich gehe. Aber ich bin noch immer unsicher. Ich schreibe meinen Freunden, will unbedingt mit jemandem reden, eine weitere Meinung hören. Rufe meine Eltern an und erreiche meinen Vater – der mich in dem Entschluss bestärkt, wieder nach Hause zu gehen. Zu der Entscheidung war ich schon bei der Haustür gekommen, aber aus irgendeinem Grund brauchte ich Bestätigung. Es kommen inzwischen gleichlautende Rückmeldungen meiner Freunde.

Ich gehe zurück in die Wohnung. Extra leise, ich will versuchen zu lauschen was/ob sie reden. Ich war ca. 15 Minuten weg. Sie redet normal mit ihm, als ich hoch komme, sitzt sie noch immer in ihrer Jacke am Tisch. Inzwischen hat sie ein Likörglas mit dunkler Flüssigkeit vor sich – ich fange an zu verstehen, wieso mein Mozart Likör schon so schnell so leer war…. Jetzt, wo ich draußen war, fällt mir der Alkoholgeruch besonders auf. Ich spreche sie nicht darauf an, sie sagt von sich aus, sie habe sich erlaubt ein Glaserl zu nehmen. Ich sage, der Sport sei ausgefallen, sie könne jetzt gehen, dass sei wohl für sie auch besser. Ich schaffe es NICHT, sie auf den Alkohol anzusprechen. Unter einem Vorwand will ich den Schlüssel zurück haben. Sie wühlt sehr lange in ihrer Handtasche – findet ihn jedoch nicht. Auf dem Weg nach unten verliert sie ihre Haube. Ich trage sie ihr nach. Ich verabschiede mich mit dem Kommentar, dass sie ja für nächste Woche bereits abgesagt hatte.

Ende

Die Geschichte beruht auf einer wahren Gegebenheit. Keine der Personen ist erfunden.

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10 Gedanken zu “„Die Leihoma“ – ein Drama in sieben Akten

    • Diese eine braucht jedenfalls nicht mehr kommen. Inzwischen denke ich, die hat vermutlich Sohni deshalb immer so viel durchgehen lassen, weil sie gerade mit Trinken beschäftigt war 🍻
      Ob ich eine neue Ehrenamtliche bekomme weiß ich noch nicht, gibt’s ja leider nicht wie Sand im Meer. Aber ich würde dann einfach mal davon ausgehen, dass die nächste “normal“ ist 😸

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  1. Hallo! Erst einmal Hut ab, wie Du Dein Leben als alleinerziehende Mutter so gut meisterst- so kommt es jedenfalls rüber. Die Sache mit der Leihoma finde ich ja schon recht übel und ich hoffe, dass Ihr trotzdem
    noch eine Lösung findet, damit Du mal etwas für Dich machen kannst und Dein Sohni auch andere erwachsene Bezugspersonen kennenlernt. Alles Gute!

    Gefällt 1 Person

    • Oh, dankeschön 🙂 Ja, im Großen und Ganzen haben wir alles im Griff. Kostenlose, regelmäßige Bezugsperson wäre schon toll, mein Kinobesuch letzte Woche hat inkl. Babysitterin ca. 45€ gekostet, da überlegt man sich auch 2x, ob man den Film wirklich im Kino gucken muss 😀
      Und klar, für Sohni wärs auch toll. Es wird sich schon was gutes ergeben!

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  2. Pingback: Wutanfall mütterlicherseits – was wirklich dahinter steckt | Mutter.Mit.Kind

  3. Huhu, mir ging es auch öfters so, dass es mir schwer fällt Menschen genau auf „DAS THEMA“anzusprechen, weil es unangenehm sein könnte. Falsche Vorwürfe, Kränkungen etc. Was auch immer es für ein Thema sein mag. Ich habe zumindest für mich einen Weg gefunden, dass es mir meistens doch gelingt. Aber auch nur, wenn es um meine Tochter geht. Ich stelle mir immer das umgekehrte Szenario vor.

    Würde sie nicht auch froh sein, wenn keine Betrunkene auf ihre Enkel aufpasst? Würde sie von ihrer Tochter nicht genau das erwarten? Das sie den Schutz der Enkel über unangenehme Gespräche stellt.

    Bei mir hilft es. Aber jeder ist anders. Ich finde es war genau die richtige Entscheidung von dir.

    Liebe Gruße
    Julusch

    Gefällt 1 Person

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