Rezension: Allein, alleiner, alleinerziehend – Wie die Gesellschaft uns verrät und unsere Kinder im Stich lässt

mama-arbeitet.de

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Jetzt ist es schon eine Weile her, dass ich das Buch von Christine Finke (Mama arbeitet) zu Hause habe. Ich hatte es schon vorbestellt und es kam kurz nach dem Erscheinungstag am 11. März 2016 bei mir in Wien an. Ich wollte es im Oster Urlaub lesen und habe es nach Spanien mitgenommen – was für eine Idee… Hätte ich das Buch vor dem Urlaub gelesen, hätte ich zumindest gewusst auf was ich mich so ungefähr einlasse, beim „Urlaub“ 🙂

Kurz: Im Urlaub habe ich natürlich nicht mehr als ein paar Seiten geschafft und dann lag das Buch doch recht lange zu Hause auf der Fensterbank. Das Buch hat 13 Kapitel + einen Schluss mit weiteren Leseempfehlungen, dabei natürlich auch Blogtipps. Ich finde, man muss die Kapitel nicht chronologisch lesen, ich habe es zumindest nicht gemacht. Ein Kapitel habe ich sogar lange gemieden, aus Angst mich fürchterlich aufregen zu müssen 😉 Es war Kapitel 7 Von wegen „ich bin unter der Woche auch alleinerziehend“.

Zur Autorin

Christine Finke, 1966 geboren, hat 3 Kinder und ist seit 6 Jahren alleinerziehend. Sie ist promovierte Anglistin, freie Journalistin, Kinderbuchtexterin und Stadträtin in Konstanz. Außerdem, und davon kennen wir Mütter sie vermutlich am ehesten, bloggt sie seit 2011 unter dem Namen Mama arbeitet.

Zum Buch

Zunächst geht Christine auf die verschiedenen Reaktionen ein, die sie erhielt als sich ihr Beziehungsstatus von „verheiratete Mutter“ auf „Alleinerziehende“ geändert hatte. Dabei geht sie aber nicht nur auf die Reaktionen vom Umfeld ein (die großteils negativ und abwerten zu sein scheinen: „Der einzig akzeptable Grund dafür, eine alleinerziehende Frau zu sein, ist, durch einen tragischen Schicksalsschlag zur Witwe geworden zu sein“), sondern – besonders spannend – auch auf die der Kinder und des Mannes, den nämlich sie selbst verlassen hat. Besonders schön finde ich, dass sie aber nicht nur aus ihrem eigenen Leben erzählt, sondern immer wieder ihre Blog-LeserInnen zu Wort kommen lässt. So kommt es zum Beispiel zum „Bullshit-Bingo nach der Trennung“ mit Sätzen, die wohl jede Alleinerziehende schon gehört hat 🙂

Plötzlich alleinerziehend zu sein ist wie ein Unfall. Viele Gaffer, viele Besserwisser, die das Fahrverhalten werten und den Unfallhergang analysieren. Andere schauen weg, weil ihnen die Situation Angst macht. Aber die wenigsten denken an die Erstversorgung der Verletzten und helfen. Dabei wäre das so nötig.

Für mich fremd und interessant waren auch die Schwierigkeiten, „den Mann loszuwerden“. Also sich nach einer Trennung räumlich zu trennen. Ich hätte vermutet, Frau schnappt die Kinder und zieht aus. Aber weit gefehlt: Da gibt es Gesetze dagegen! Und wenn der Mann nicht einfach ausziehen will, aus der gemeinsamen Wohnung? Schwierigkeiten vorprogrammiert. Leicht gemacht wird es einem jedenfalls nicht. Es wird erwartet, dass man sich einigt. Nun, das setzt eine friedfertige Trennung im Guten voraus, nicht wahr? Wie oft hat man eine solche schon… Ist die räumliche Trennung erstmal vollbracht, folgt der Versuch sich auf Umgangszeiten zu einigen. Wohl auch keine leichte Aufgabe und ich bin direkt froh, dass mir sowohl das eine als auch das andere erspart geblieben ist.

Christine erzählt aber nicht nur, was zum Thema Umgang alles aktuell ist, sondern auch was hier geändert werden sollte. Und dazu gehört zum Beispiel, dass Kinder, die ihren Vater nicht besuchen wollen, per Polizeibegleitung dazu gezwungen werden können. Deutschlands Gesetze scheinen absolut absurd zu sein!

Auch Finanzen finden Platz in einem eigenen Kapitel. Kein Wunder, auch im Blog greift die Autorin das Thema Altersarmut oft auf. Sie berichet offen von Besuchen bei Der Tafel und von Wohngeld, auf das sie angewiesen war, ebenso wie von einem Sozialpass mit dem sie z.B. günstiger Bus fahren konnte. Die Punkte zu Steuerklassen und Rentenpunkten habe ich zugegebenermaßen nicht verstanden, nachdem wir in Österreich beides nicht haben 🙂 Auf jeden Fall dürfte es in Deutschland in Bezug auf Steuern und Rente einige Ungerechtigkeiten geben.

Sie erzählt, dass Alleinerziehende ungern eingestellt werden (was ich auch andernorts schon oft gelesen habe in Deutschland), mit der Begründung, dass diese doppelt so viele freie Tage wegen kranker Kinder in Anspruch nehmen könnten, als nicht-alleinerziehende, und diese Tage würden sich mit jedem weiteren Kind auch noch erhöhen. Dass da jeder Personalchef Angst bekommt, leuchtet mir ein. Das ist ebenfalls in Österreich komplett anders: mir stehen hier derzeit 10 Tage Pflegeurlaub zu (Kind unter 12, sonst nur 5 Tage), ob ich nun ein oder fünf Kinder habe, ob ich verheiratet, getrennt oder sonstwas bin.

Wie soll ich das alles schaffen? Vom Aufgaben-Marathon und ständiger Rufbereitschaft – so heißt das 5.Kapitel, in dem Christine eindrucksvoll schildert, wie sie kurz vor einem Burn-out stand und zusammengebrochen ist. Ständiges ausgelaugt sein ist wohl für keine Alleinerziehende fremd.

Wie, zum Teufel, soll eine Alleinerziehende, die ganz ohne Unterstützung klarkommen muss, für ihr Wohlergehen sorgen? … Sport machen, mal ins Kino gehen, eine Wellnessmassage oder mit Freundinnen in Ruhe plauschen, für all diese Dinge hatte ich nie Zeit. Und Geld auch nicht, das es mir hätte ermöglichen können, mir Zeit zu kaufen.

In dem von mir lange gemiedenen Kapitel über die Mütter, deren Männer unter der Woche z.B. auf Montage sind und sich daher als „unter der Woche alleinerziehend“ nennen, bleibt Christine erstaunlich neutral und ruhig. Eine Fähigkeit, die ich nicht besitze 😉 Aber ich finde es toll, anstatt zu sagen dass diese Mütter absolut weltfremd und dämlich sind (wie ich es vermutlich machen würde), gesteht sie ihnen zu so zu empfinden. Was gut ist, denn für jeden ist etwas anderes schwierig. Und ja, diese Frauen SIND allein unter der Woche. Aber eben nicht alleinerziehend. Und was da der Unterschied ist, wird sachlich in diesem Kapitel erklärt (ich z.B. kann keinem zweiten Erwachsenen eine WhatsApp Nachricht schicken und um Rat fragen, oder von einer plötzlichen Krankheit erzählen etc.). Und der abwesende Mann verdient ja auch Geld – Geld, dass Alleinerziehende nicht haben.

Alleine die Tatsache, dass es für Alleinerziehende keine zweite Telefonnummer gibt, die die Kita anrufen kann, keinen weiteren Erwachsenen, der einspringen kann, hängt unterschwellig immer wie ein Damoklesschwert über der Alleinerziehenden.

Dass ein Urlaub mit Kindern für Alleinerziehende kein Zuckerschlecken ist, findet auch in ihrem Buch Erwähnung. Von wegen „schön erholt“. Man muss dazu sagen, Christine hat 3 Kinder. Ich finde fremde Umgebungen mit einem Kind schon schrecklich, aber drei – und das allein… Dass sie es überhaupt versucht hat, mehr als einmal, mit den Kindern wegzufahren, ist schon respekteinflössend. Es ist irgendwie unterhaltsam, ihre Erfahrungen im Urlaub zu lesen 🙂 Inzwischen verbringt sie den Urlaub übrigens lieber zu Hause.

Dann wieder zu einem ernsteren Thema: Warum es eine Katastrophe ist, wenn Mama krank wird. Da ich das selbst schon erlebt habe kann ich dem nur beipflichten: Es gibt kaum schlimmeres als sich totkrank fühlen, und sich komplett allein um ein nicht krankens, quirliges, aufgedrehtes Kind kümmern zu müssen. Zum Glück ist Sohni kein Baby mehr, sowas brauche ich nicht nochmal. Auch hier kommen wieder LeserInnen zu Wort und berichten von eigenen – zum Teil erschreckenden – Erfahrungen.

Zusammen mit ihrer unschönen Erfahrung einer in Deutschland üblichen Mutter-Kind-Kur (sowas gibt es in Österreich nicht, danach habe ich mich schon öfter erkundigt), gelangt Christine zu dem Schluss dass eine Haushaltshilfe zum einen die bessere Entlastung wäre, und zum anderen den Staat weniger Geld kosten würde. Klingt, als könne sich Deutschland darüber mal Gedanken machen!

In einem anderen Kapitel beschreibt Christine, wie sehr ihr die Wochenenden auf die Nerven gehen. Was ich absolut nachvollziehen kann! Bereits ab Samstag nachmittag freue ich mich auf Montag, wo ich endlich wieder arbeiten kann, und Sohni in den Kindergarten geht. Schön zu lesen, dass ich damit nicht allein bin! „Ich fühle mich eingesperrt und ausgeschlossen“ sagt sie, und spricht mir damit aus der Seele – ich sage gern, dass ich mich in einem goldenen Käfig befinde. Das kann sicherlich nicht jeder verstehen, und ich kenne Alleinerziehende, denen geht es ganz und gar nicht so. Aber mir. Daher bin ich dankbar für dieses Kapitel. Interessanterweise ist es das Kapitel, dass am meisten Kritik geerntet hat. Aber auch hier gibt es Leserstimmen, denen Wochenenden auch verhasst sind. Dann bin ich vielleicht komisch, und vielleicht fehlen auch mir die Muttergene – wie Christine sagt – aber wenigstens bin ich damit nicht allein.

Daran anschließend noch das Thema Ausgehen. Seien es Partys, Biergarten mit Freunden, kulturelle Veranstaltungen oder Musicals – für fast alle Alleinerziehenden einfach nicht drin. Kind mitnehmen ist in den seltensten Fällen eine Option, denn wie Christine richtig sagt, ist man dann vor Ort maximal mit Beaufsichtigung desselbigen beschäftigt, anstatt sich mit anderen Erwachsenen zu unterhalten oder gar Spaß zu haben. Natürlich gibt es Menschen, denen gelegentliche abendliche Aktivitäten nicht fehlen, und auch vor den Kindern keinen solchen nachgegangen sind. Aber auch hier sagen viele Leserinnen von Christine, wie sehr ihnen ihr „social life“ fehlt. Ja, hier! Da kann ich auch laut aufschreien.

Fazit

Der Untertitel „Wie die Gesellschaft uns verrät und unsere Kinder im Stich lässt“ gibt schon einen Hinweis darauf, dass es sich hierbei nicht um ein wie-schön-kann-alleinerziehend-sein Buch handelt, sondern in jetzt-mal-Butter-an-die-Fische Manier geschrieben ist. Christine Finke berichtet aus eigener Erfahrung, lässt aber auch genügend andere Frauen zu Wort kommen und untermauert Aussagen hier und da mit Statistiken. Das Buch zeigt auf, wie hart und ungerecht das Leben als Alleinerziehende sein kann. Und gibt an vielen Stellen auch Verbesserungsvorschläge. Die aber nicht wir, die Betroffenen, herbeiführen können, sondern vom Staat gehört werden müssten. Ein kleines bisschen muss man dann schon aufpassen, nach der Lektüre nicht in Selbstmitleid zu versinken. Trotzdem (oder deshalb?) ein empfehlenswertes Buch um auf die Lebensrealität von Ein-Eltern-Familien aufmerksam zu machen.

 

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4 Gedanken zu “Rezension: Allein, alleiner, alleinerziehend – Wie die Gesellschaft uns verrät und unsere Kinder im Stich lässt

  1. Danke, der kauf steht nächsten monat an, ich bin zwar nicht allein erziehend, aber nach dem eine allein erziehende freundin mir sagte, dass ich es ja praktisch wäre, weil mein mann praktisch nie die kinder nimmt und ich beide für jede besorgung mitnehmen musste, die nachtschichten machte, usw, habe ich ihr genau das gleiche geantwortet, wie du hier schreibst, auch wenn ich die meisten sachen mache, was die kinder angeht, habe ich einen partner, mit dem ich mich austauschen kann, über erziehungsstiel sprechen kann und der mir hilft zu reflektieren und der im äußersten notfall eben doch da ist. Und der natürlich zum einkommen beiträgt.
    Ich bin gespannt, vielen dank für die rezension!!!
    Lovis

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    • Das ist wirklich witzig, dass das ausgerechnet eine Alleinerziehend sagt 🙂 Aber man kann das sowieso nicht sooo pauschalisieren. Eine Freundin von mit ist AE, hat aber ihre Eltern nebenan, die jederzeit einspringen können und auch Verantwortung übernehmen und mal für Auszeiten sorgen. Eine andere Freundin hat einen Partner, der mit ihr und Kind lebt, der nicht auf Montage etc. ist und trotzdem fast keine Verantwortung übernimmt. Sie sagt, sie bekommt mehr Unterstützung von ihrer Mutter, als von ihrem Partner.
      Also nur weil man einen Partner hat, unterstützt der einen ja (leider) nicht automatisch. Und umgekehrt haben viele Alleinrziehende viel Unterstützung, je nach Umfeld.

      Aber was bleibt, so finde ich, ist das Allein-Verdienen. Denn selbst wenn der Partner arbeitslos ist, so kriegt er immerhin minimal Geld dafür. Im Idealfall arbeitet er, das in der Regel dann Vollzeit, und bringt ein entsprechedes Einkommn mit, ggf. zusätzlich zu dem der Mutter.
      Denn meine Kosten sind fast die gleichen wie von einem Paar, Miete kostet genausoviel, ob ich hier mit Kind oder mit Partner und Kind wohne. Strom verbrauche ich allein auch nicht weniger als zu zweit. Aber ein weiteres Einkommn, das ist nicht da.

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      • Ja, ich habe darüber im radio einmal eine diskussion gehört und die dame vom netzwerk für allein erziehende sagte „allein erziehend zu sein bedeutet, du hast nur halb so viel zeit und must das doppelte verdienen“,
        Bei so diskussionen darüber, wie schwer es allein erziehende haben, habe ich am ende immer den eindruck, dass das fatzit ist, dass AE, die kein flechendeckendes soziales netzwerk vorgeworfen wird, dass sie selbst dran schuld sind und denen mit, dass ihnen unterstützung dafür gestrichen werden sollte…
        Lovis

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