Sohni ist jetzt vier. Wie es dazu kam.

Gestern ist Sohni 4 geworden. Schon oder erst – da bin ich noch unschlüssig. Wie es dazu kam:

Ich bin ja in einer kleinen und feinen Facebook Gruppe von Mamas mit Kindern, die im Oktober 2012 geboren wurden. Oktober? Haben wir nicht November? Ach ja, da war ja was. Sohni wollte nicht rauskommen. Und so verstrich der berechnete Geburtstermin am 29.10.2012 und nichts geschah. Da ich aber am 31.10. auf einer Party eingeladen war, war mir das ganz willkommen, so konnte ich wenigstens noch bis in die Puppen fortgehen. Das habe ich auch gemacht, und ich hatte den mit Abstand dicksten Bauch 😉 Ich liebte die Gesichter der Leute wenn ich auf die Frage „Wann ist es denn so weit“ antwortete mit „Ach, es hätte schon vor 2 Tagen kommen sollen“. Waaaaas, und da machst du hier Party? Äh, ja?! Ist ja noch drin…

Am 5. November, ich war ja schon ein paar Tage drüber, war ich morgens zur Kontrolle in der Klinik. Damals hatte ich noch einen Hund – also, den habe ich heute noch immer, aber er wohnt nicht mehr bei mir, sondern beim Herrchen („Trennungshund“, ich kannte mich also mit alleinerziehen schon aus). Mit Herrchen war auch damals abgesprochen, dass er den Hund übernimmt, sobald ich möchte. Also irgendwann vor der Geburt halt 🙂 Nach der Kontrolle in der Klinik ging ich Gassi. Lange. Wirklich lange. Und rief Herrchen an. Lange. Ich kam zu dem Entschluss, dass er den Hund doch bitte heute holen möge, weil, nichts – wirklich gar nichts deutete darauf hin dass mein Körper sich bald mit gebären beschäftigen würde- aber spätestens übermorgen würden sie mich zum Wehen einleiten ja in der Klinik behalten. Außerdem hatte er ja sowieso schon längst mit Hundi gerechnet, sagte doch der Kalender, ich sollte längst ein Baby haben.

Ich postete also am Nachmittag in dieser genannten  Facebook Gruppe, dass mein Körper vielleicht die Schwangerschaft noch gar nicht mitbekommen habe (schließlich war mir niemals schlecht oder hatte sonstige Anzeichen einer Schwangerschaft, abgesehen von +20kg auf der Waage). Und demnach vielleicht gar nicht wisse, dass er jetzt dafür zuständig ist, jetzt etwas wie Wehen zu produzieren. Kaum hatte Herrchen Hundi geholt, besorgte ich Wehenanregendes Zeug. Man kennt das, Zimt, Datteln, und was die Mythen sonst noch alles hergeben. Ich braute mir einen Wehen-Cocktail nach Rezept in einem Hebammenbuch. Nichts geschah. Mein Posting vom Nachmittag wurde fast minütlich kommentiert, schließlich war ich eine der letzten zwei, die ihre für Oktober angekündigten Kinder noch nicht bekommen hatten. Und jeder wollte wissen, ob es nun ein Bub oder ein Mädchen wird (außer mir, mir war das von Anfang an völlig egal –  die Tatsache dass ich überhaupt ein Kind bekomme hat mich genug umgehauen, da war mir echt egal ob da ein Penis dran ist oder nicht).

Eine Ewigkeit später, am frühen Abend, erste Anzeichen von Wehen. Das musste vom Wehencocktail sein! Ich kommentierte meinen Post. Die Spannung stieg 😉 Ich kontaktierte auch sofort eine liebe Freundin, die Krankenschwester ist und sich bereiterklärt hatte, mich zur Geburt zu begleiten. Ich hatte viel und lange überlegt, wie das werden soll, so alleine bei der Geburt. Ursprünglich war selbst nach der Trennung der Kindsvater als Begleitung eingeplant. Aber als dieser dann eine neue Freundin hatte, war mir das unangenehm, und er wollte ohnehin nicht gerne dabei sein. Außerdem kann er (als Physiotherapeut…..) es nicht ausstehen, wenn Menschen vor Schmerzen „jammern“. Er sagte also schon früh, würde ich mich anstellen oder sowas wie „Ich kann nicht mehr“ sagen, würde er kommentarlos den Raum verlassen, damit er sich nicht aufregen müsse oder wir streiten. Ich habe bei der Geburt wie ein brünstiger Hirsch geröhrt, in einer Lautstärke die das Krankenhaus erbeben ließ. Sind wir einfach mal alle froh, dass der Kerl nicht dabei war und sich nicht aufregen musste 😉

Ich war allein zu Haus, Hundi war weg, die liebe Freundin noch nicht da. Ich fühlte mich ganz ruhig. Ich genoss das Alleinesein und die Stille sehr. Ich rief sogar meine Freundin an und sagte, mir gehe es gut und ich würde doch allein ins Krankenhaus fahren später. Aber sie bestand darauf zu kommen. Sie hatte noch zu tun und kam gegen 22 Uhr bei mir an. Ich wehte in recht unregelmäßigen und langen Abständen vor mich hin, aber kaum nennenswert. Sie trieb mich raus, ich sollte eine Runde um den Block gehen. Und noch eine. Und noch eine. Und wieder rein. Aber die Treppe rauf in den 3. Stock. Sie redete und redete, über … ich weiß nicht mehr. Ich wollte gar nicht zuhören, ich wollte eigentlich irgendwie, ich weiß auch nicht, in der Stille sein. Ruhe. Allein. Sie lenkte mich ab, und das wollte sie auch. Meine Wehen wurden stärker, ohne dass ich es wirklich merkte.

Um 2 Uhr nachts rief sie den Rettungswagen und ließ mich ins Krankenhaus bringen. Ich war sehr entspannt und hatte überhaupt keine Angst. Mein Muttermund war schon 6cm offen, die diensthabende Hebamme war erstaunt, sagte, sie sähe nicht oft Frauen kommen die schon so weit sind, und noch so „fröhlich“ 😉 Im Krankenhaus erfuhr ich dann, was „richtige“ Wehen sind, so heftig war es zu Hause nicht. Ich wollte in die Badewanne und wenn möglich auch dort gebären. So lag ich dann da, röhrte immer vor mich hin, meine Freundin an meiner Seite, die Hebamme ab und zu mal hereinschauend. Stunde um Stunde verging. Das Kind senkte sich nicht ab, und machte keinerlei Anstalten dem Gezeter des mutterlichen Körpers Folge zu leisten. „Bestimmt ein Junge, die sind dickköpfig“, sagte die Hebamme.

Mittlerweile 6 Uhr morgens sagte man mir, ich müsse aus dem Wasser raus, denn es gehe so nichts weiter. Ich erinnere mich, dass ich sagte „an Land halte ich es nicht aus“. Was ich meinte war: die Schmerzen waren groß, eigentlich unerträglich, aber im Wasser hatte ich das Gefühl etwas tun zu können. Wie ein gestrandeter Wal wälzte ich mich bei jeder Wehe herum, zog mich an dem Griff hoch, ließ mich fallen als der Schmerz verebbte. Bis er wieder aufwallte und ich mich wieder hochzog, ohne darüber nachzudenken. Ich war überhaupt nicht mehr anwesend, war nur noch vertieft in meine Bewegungen und die Schmerzen, die wie Meereswellen über mich schwappten. Bis ich einen Pressdrang verspürte, ohne dass das Kind schon seinen Kopf weit genug unten gehabt hätte. Ich presste „ins Leere“. Und das tat weh. Mehr als alles andere zuvor. Die Hebamme holte mich sofort aus dem Wasser und holte einen Arzt hinzu. Ich wurde auf eine Liege gelegt und bekam eine PDA, auf meinen ausdrücklichen Wunsch. Dazu wurde ich noch an einen Wehentropf gehängt, da leider bei der PDA auch oft die Wehen zurückgehen. So auch bei mir. Ich schlief kurz ganz leicht ein, so ganz ohne Schmerzen und erschöpft wie ich war.

Es war 7:30 Uhr, als ich in die Kommentare meines Facebook Postings vom Vortag schrieb, dass es noch immer nichts neues gäbe. „Geburtsstillstand“. Die anderen dachten, das Kind sei längst da. Währenddessen wurde alles für einen Kaiserschnitt vorbereitet, denn es sah nicht danach aus, als würde das Kind anders aus mir rauskommen. Mir war inzwischen alles recht, es sollte einfach nur vorbei sein. „Holt das Kind irgendwie raus!!!“.

8 Uhr. Schichtwechsel im Krankenhaus. Neue Hebammen, neue Ärzte. Das Kaiserschnitt-Zeug lag bereit. Die neuen Ärzte meinten, sie probieren noch etwas anderes. Die Hebamme sagte ein Wort, was ich nicht verstand – nicht mal meine Krankenschwester-Freundin wusste um was es geht. Wenig später standen in dem Zimmer 6 Menschen. Ich lag auf der Liege, meine Freundin an meiner rechten Schulter. Man würde jetzt versuchen das Kind mit der Saugglocke zu holen. Mir egal, ich spürte dank PDA nichts mehr. Es sollte einfach nur aus mir raus, es sollte ein Ende haben. Ich war müde und erschöpft, kraftlos sowieso. 3 Menschen standen vor meinen gespreizten Beinen, einer davon war ein Kinderarzt. Zwei standen links und rechts von mir, und pressten auf „Los“ das Kind nach unten. Das waren die schlimmsten Schmerzen von allen! Ich wurde geschnitten, aber spürte es nicht, dann werkelte man mit der Saugglocke herum – ich sollte pressen, was mir sehr schwer fiel, denn ich spürte ja nichts. Wie soll man da pressen? Aber das übernahmen ja „dankenswerterweise“ auch die zwei Menschen an meiner Seite, die so fleißig in meinen Bauch drückten und versuchten, den Fötus nach unten zu drücken während andere von unten an ihm zogen. Irgendwann – ein blaues Kind wurde hochgehalten. Wenn ich eine Freude oder Erleichterung spürte, dann höchstens darüber, dass es wohl vorbei war. Es war 8.30 Uhr, am 06. November 2012.

Ich kann mich nur noch sehr verschwommen an das danach erinnern. Ich weiß nicht mehr ob jemand klassisch wie im Fernsehen „Es ist ein Junge!“ rief. Ich weiß, dass man mit Sohni, der noch keinen Namen hatte, sofort raus ging. Dann kam man wieder rein, legte ihn mir für ca. 1 Minute auf den Bauch und nahm ihn für 2 Stunden wieder mit. Die nächste Schwester, die nach mir sah, fragte ich nach Frühstück. Meine Freundin war gegangen, sie war nach der Nacht ebenfalls sehr müde. Ich lag allein in einem Kreißsaal, ohne Kind, aß Butterbrot mit Käse und trank lauwarmen Hagebutten Tee. Ich hatte nicht das Gefühl, als hätte ich gerade ein Kind zur Welt gebracht,mein Körper war noch betäubt. Schließlich war auch weit und breit keines zu sehen. Die ganze Situation, meine Gefühle, alles war … irgendwie grotesk. Unwirklich. Wie in einem sonderbaren Film, dessen Ende man auch Wochen später nicht versteht.

Ich schrieb dem Erzeuger, dass er nun Vater geworden sei. Das Geschlecht erwähnte ich nicht. Eine Stunde später beglückwünschte er mich per SMS. Das fand ich skurril. Er fragte nicht nach, ob er einen Sohn oder eine Tochter habe. 2 Tage später kam er kurz vorbei. Das war das erste Mal, bereits 5 Wochen später besuchte er uns das letzte Mal.

Drei Monate nach der Geburt erzählte mir meine Freundin dass sie Angst hatte, Sohni würde nicht überleben. Die Ärzte rannten mit ihm raus, blau wie er war, blieben 5 Minuten weg, und kamen erst dann wieder rein. „Erinnerst du dich wie ich geschluchzt habe, als sie ihn dir dann auf den Bauch gelegt haben?“ – Ich dachte sie sei gerührt. Sie war erleichtert. Sein Zustand war kritisch. Niemand sagte mir das.

Jetzt ist er vier. Noch immer finde ich manche Sachen unwirklich. Noch immer frage ich mich manchmal „Ist das wirklich passiert?“. Irgendwie sind die letzten 4 Jahre vergangen, mit vielen Hochs und Tiefs, von denen ich teilweise nicht weiß, wie ich da durch gekommen bin. Ich bin froh, dass er nun 4 ist, und nicht mehr 1, oder 2 oder 3. Ich werde auch froh sein, wenn er 5 wird.

Aber das hat jetzt noch ein Jahr Zeit!

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2 Gedanken zu “Sohni ist jetzt vier. Wie es dazu kam.

  1. puh…und das schreibe ich als hebi…freu dich über dieses wunderbare Kind! Scheiss auf alles andere, Kinder sind einfach Geschenk, ob mit oder ohne Mann, schade für die Kinder, die ohne Vater aufwachsen , aber auch aus denen wird was Gutes, denn sie lernen , Verantwortung zu übernehmen…

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    • Danke für deinen Kommentar! Ich denke auch, natürlich wäre es ideal, wenn ein Kind bei zwei liebenden Eltern aufwächst, am besten noch mit Omas und Opas und allem drum und dran. Aber alleine mit Mama geht’s auch 🙂 Hauptsache, es hat alles was es braucht, und das ist gar nicht sooo viel 😉

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