Wutanfall mütterlicherseits – was wirklich dahinter steckt

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Heute morgen habe ich einen gigantischen Wutanfall bekommen. Ich wurde so wütend, ich konnte Sohni gar nicht mehr anschreien, ich habe gekreischt dass es sicher im Nebenhaus noch zu hören war. Was war geschehen? 

Sohni ist heute leider schon früh aufgewacht, ich hatte sowieso schon keine strahlend gute Laune weil ich gerne noch weiter geschlafen hätte. Dass Sohni nach dem aufwachen auf mir herumkletterte und im Minutentakt verlangte, ich solle mit ihm hoch gehen, verbesserte meine Laune Sonntags früh auch nicht. Im Normalfall trinke ich erstmal Kaffee, Sohni isst und spielt dann irgendwas, lässt mich aber in Ruhe.

Heute fing ich schon vor dem Kaffee an, herum zu räumen. Wir waren für den Nachmittag auf einer Gemeinschaftsgeburtstagsfeier eingeladen und bei mir türmten sich Geschenke, für die anderen Kinder, aber auch für die Mamas die inzwischen Geburtstag hatten. Und Muffins. Ich wollte alles halbwegs zusammen stellen als ich sah, dass das Geschenk für seinen Freund offen war.

Schlagartig wurde mir klar, was das für Sachen waren, die ich am Donnerstag zwischen seinen Spielsachen gesehen hatte und nicht zuordnen konnte. Ich war so sauer, ich schickte ihn kreischend weg, außer mir vor Wut, schon allein zu seiner Sicherheit. Ich war wirklich, wirklich außer mir! Das geöffnete Geschenk hatte irgendwas in mir getriggert.

Abgesehen von ersten panischen aber praktischen Überlegungen: Ist die Packung noch heile? Was genau fehlt? Wo sind all die Einzelteile? Kann ich das so noch verschenken? Heute ist Sonntag…

Wann war das überhaupt passiert? Am Mittwoch Abend. Ich hatte mir die Freiheit genommen mich mit alten Freunden zu treffen und habe dafür eine Babysitterin kommen lassen. Dieser hatte ich natürlich nicht gesagt, dass die zwei noch geschlossenen Spielsachen, die in einem Papiersackerl mit unübersehbar großem Logo eines Spielzeuggeschäftes lagen, nicht geöffnet werden sollen. Hätte ich das müssen? Sofort war ich in Gedanken ein Jahr zurückversetzt. Ich sah mich in einer Rückblende am 5. Dezember 2015 nach Hause kommen und sehen, dass die Leihoma Sohni den gesamten (!) Adventkalender hat öffnen lassen!

Während Sohni ins untere Stockwerk geflüchtet war und weinte, war ich oben am Rande eines Nervenzusammenbruchs, oder eigentlich mittendrin. Fluchend suchte ich alle Einzelteile des Geschenks zusammen und kriegte mich eigentlich kaum ein. Spätenstens jetzt hätten Außenstehende sich gefragt, was für ein Drama ich da eigentlich draus mache. Sooo schlimm ist das ja nun auch wieder nicht. Und sie hätten Recht gehabt. Diese eine Situation war nicht sooo schlimm, dass man derart hätte ausrasten müssen.

Was steckte wirklich hinter meinem immensen Wutausbruch?

Ich kann Wutausbrüche schlecht kontrollieren, und auch wenn ich ein sehr reflektierter Mensch bin – in dem Moment wo ich in dem Gefühlstornado drin stecke, kriegt mich keiner raus. Das Reflektieren kommt erst später, wenn der Sturm sich legt und man anfängt das Ausmaß der Verwüstung zu erahnen. Was war da vorhin los? Es ist im Grunde nichts passiert, die Packung war nicht beschädigt, alles war noch da, das zu beschenkende Kind würde trotzdem eine Freude damit haben (und hatte es auch). Also?

Es ging gar nicht um das geöffnete Geschenk.

Man muss sich mein Gehirn vorstellen, wie eine Suchmaschine. Ein Google-Hirn. Viele Situationen, die ich tagein tagaus erlebe, muss man sich wie Suchanfragen vorstellen. Heute morgen bei der Entdeckung des geöffneten Geschenks wurden also in mein Hirn folgende Schlagwörter eingetippt: „Geschenk schon vorher geöffnet, Babysitter“ Google braucht dafür 0,57 Sekunden, mein Gehirn ist vermutlich schneller. Quasi ohne Verzögerung sind in meinem Kopf alle, und ich meine alle, Erlebnisse da, die jemals unter einem dieser Schlagwörter abgespeichert wurden. Wie bei Google sind diese gereiht – am Anfang kommen die, die offenkundig ähnlich sind und auf alle Schlagwörter passen, wie eben der komplett geöffnete Adventkalender am 5.12.2015.

Danach kommen aber auch Erinnerungen, die nur teilweise zutreffen, wie damals als ich einen Termin hatte und die Babysitterin 15 Minuten vorher noch immer nicht da war und ich mich so hilflos und abhängig fühlte, aber auch einfach sauer (letztendlich kam sie gar nicht). Und eben ganz genau wie bei Google, werden die Ergebnisse der Suchanfrage immer wager und entfernter, je weiter man sich durchklickt. Da poppen dann Erinnerungen auf an die eigene Kindheit, an durch mich selbst vorab geöffnete Geschenke, die meine Eltern versteckt hatten. Und mit dieser Erinnerung kommen die dazugehörigen Schuldgefühle.

Bei Google kann ich mir aussuchen, welchen Link ich anklicke. In meinem Kopf kann ich das nicht: da sind alle Erinnerungen präsent, inklusive der passenden Gefühle dazu.

Versuch der Rekonstruktion

Um es selbst besser verstehen und nachvollziehen zu können, versuche ich es also zu rekonstruieren. Ich sehe, dass Sohni dass Geschenk geöffnet hat, dass für jemand anderen gedacht war. Ich merke, dass es passierte als die Babysitterin da war. Sofort sind 2-3 ähnliche Situationen präsent: Eine Babysitterin war da und hinderte Sohni nicht daran, etwas von mir verbotenes zu tun. Sofort bin ich im dazugehörigen Gefühl: Abhängigkeit (ich brauchte die Babysitterin), Machtlosigkeit/Hilflosigkeit/Kontrollverlust (ich habe keinen Einfluss darauf, ob die Babysitterin auf die mir wichtigen Sachen achten wird, muss Vertrauen, es wird verletzt). Schon allein nach dieser Erinnerung bin ich überfordert mit den über mich hereinbrechenden Gefühlen und Gedanken, die schon Sekunden nach der Entdeckung der offenen Schachtel nichts mehr mit der Entdeckung an sich zu tun haben. Je mehr Erinnerungen und negative Gefühle auf mich einprasseln, bis hin zu Schuldgefühlen die mit 7 entstanden sind weil ich schon vor Weihnachten mit der Puppe gespielt habe (Mama, wie enttäuscht musst du gewesen sein, als du es gemerkt hast. Es tut mir sehr leid!), bis hin zum Geburtstag der gleichaltrigen Zwillinge, wir waren 9, wo ich jedes Jahr war, und dieses mal nur einer ein Geschenk brachte, nämlich der, die mich eingeladen hatte. Die andere war sauer.

Da ist so viel ungefiltert reingeprasselt, dass sich die ganze Energie entladen hat, eben ganz genau so, wie es bei einem Gewitter passiert. Und es gab heute früh ein mächtiges Gewitter.

Das Problem ist – niemand außer mir kann das sehen, oder ansatzweise nachvollziehen in dem Moment. Denn für alle anderen, natürlich auch für den, den es trifft – in diesem Fall Sohni – bekomme ich gerade einen legendären Tobsuchtsschreianfall aufgrund eines geöffneten Geschenks, was nicht für ihn bestimmt war. Aber im Grunde ist nichts „schlimmes“ passiert. Jedenfalls nichts, was nach außen meine Reaktion erklären könnte.

Was nun?

Das mein Gehirn wie eine Suchmaschine funktioniert und mit Schlagwörtern arbeitet, habe ich erst heute herausgefunden. Und ich finde diese Erkenntnis gigantisch, da ich plötzlich alles verstehe – ich wusste schon immer wenn ich richtig richtig wütend werde, dass es dann gar nicht um den „Auslöser“ geht, sondern es viel tiefer geht. Ich konnte es nur nie erklären. Ok, im Grunde weiß ich nicht, ob das hier irgendjemand verstanden hat, aber das macht ja nichts 😉 Ich habe es im Ansatz verstanden und schätze, ich kann nun viel besser reagieren.

Ich habe noch keinen konkreten Plan, wie das aussehen wird. Vielleicht kann ich lernen die Suchanfragen zu steuern? Oder zumindest die Ergebnisse zu filtern? Vielleicht lässt sich eine APP programmieren die es ermöglicht, nicht jeden Link in einem eigenen Tap zu öffnen und dadurch hunderte von Erinnerungen und Gefühle gleichzeitig zu denken und zu fühlen? Denn das führt zu schlagartiger Überforderung, zu einer undenkbaren Spannung, die sich entladen muss. Vielleicht hilft mir ja aber allein schon die Erkenntnis.

Was ich mich noch frage ist, ob das nicht bei allen Menschen so ist? Ich wusste wie gesagt schon immer, dass ich nie „wegen dem Auslöser an sich“ wütend wurde, und ich erinnere mich, dass eine Freundin mich einmal sehr unverständig anblickte, als ich das erwähnte. „Wieso denn dann??“. Nun, das konnte ich ja bis heute nicht erklären. Aber im Ernst: Ist das tatsächlich nicht bei allen Menschen so? Denn bei Sohni ist das ganz sicher so, das merkt man z.B. daran, dass er eine halbe Stunde nach dem Zähne putzen noch weint und schreit, dass er nicht Zähne putzen will. Um das Zähne putzen geht es längst nicht mehr.

Also, falls jemand Tipps und Tricks auf Lager hat wie man damit umgeht – her damit. Es wird ganz sicher wieder eine Situation kommen, wo ich es testen kann 😉

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6 Gedanken zu “Wutanfall mütterlicherseits – was wirklich dahinter steckt

  1. Einen Tipp kann ich Dir leider nicht geben, aber an nicht ganz so guten Tagen geht es mir ein bisschen ähnlich wie Dir in solchen Situationen (und meinem kleinen Leben ebenfalls 😉.)

    Einen entspannten Wochenstart!
    ☀️

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  2. Oh du Arme .Meist ist es doch so man hat keine Zeit für sich viel Stress und der Frust staut sich auf und dann passiert noch etwas und schon entlädt sich alles ! Geht jedem Mal so ! Aber toll geschrieben mit deiner Google Funktion 😁 eine schöne Woche wünsch ich dir !

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    • Vorallem wenn man dann plötzlich auf 35 Jahre Lebenserfahrung in einer Sekunde zurückgreift 😀 Ich bin guter Dinge, dass ich in Zukunft die Taps schneller schließen kann, jetzt wo ich weiß dass alle auf einmal aufspringen kann das ja nicht mehr so schwer sein 🙂
      Wünsche dir auch noch eine super Woche 🙂

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  3. …ich würde behaupten, dass wenig menschen so reflektiert sind und zu dem zahnputzschreien, ich denke, dass es doch auch um Autonomie und grenzen geht, die das Kind da beschreit, fassungslos, über den übertritt. Der manchmal nicht als notwendig vermittelt werden kann. Auch bei den beschriebenen Gefühlen ging es ja um grenzen, und um Autonomie (das übertretene nein und die Abhängigkeit), oder?
    Ich denke, dass viele reflektierte menschen lange brauchen, oder die unkeflektiertheit anderer niemals verstehen…
    Lovis

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    • Ach, das mit dem Zähneputzen war nur ein Beispiel, solche „Anfälle“ hat er am ehesten, wenn er müde ist. Da hat er auch einen „Aufhänger“, also einen Auslöser, und mir kommt eben vor 10 Minuten später gehts längst nicht mehr um das. Allerdings denke ich das ja auch nur, weil es eben bei mir so ist… Wer weiß schon, was in diesem kleinen Kopf vorgeht. Aber damit kann er sich ja dann in 30 Jahren mal hinsetzen, hauptsache ich weiß jetzt, was in MEINEM Kopf vorgeht, hihi 🙂

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