„Kindern Mut machen“ – Vortrag über Logotherapie

Mut, Kraft, Selbstwert

Gestern war ich auf einem Vortrag zum Thema „Kindern Mut machen“. Der Vortrag fand in Kontaktstelle für Alleinerziehende statt, die Referentin (und siebenfache Mutter) Claudia Frauenlob kam dazu extra aus Salzburg angereist. Wie immer gab es parallel Kinderbetreuung, sonst könnten wir Alleinerziehenden uns so einen Vortrag ja nie anhören 😉

Ich hatte eine Art Anleitung für konkrete Situationen erwartet, stattdessen bekam ich eine Anleitung, wie ich mein Kind zu einem selbstbewussten, und dadurch mutigem Menschen erziehen kann. Das war aber auch nicht schlecht! Hätte ich folgende Beschreibung des Vortrags gelesen, hätte ich das gewusst:

Wer von uns hätte nicht gerne Kinder, die mutig schwierige Lebenssituationen meistern. Kinder, die mutig sind, die sich und ihr Handeln als „wert-voll“ erleben, bereichern auch die Gesellschaft. Das Selbstwertgefühl und die Persönlichkeit von Kindern und Jugendlichen zu stärken ist erste Aufgabe der Erziehung. Darum ist es gut, das eigene Verhalten, die eigene Persönlichkeit immer wieder zu reflektieren. Die fünf wertvollsten Stützpfeiler aus der Lehre der Logotherapie und der Existenzanalyse nach Viktor Frankl werden erarbeitet und unterstützen Eltern bei einer stärkenden Erziehung.

Ich werde dir mal den Vortrag und die Broschüre, die ich dazu bekommen habe, grob zusammenfassen. Am Anfang haben wir – 17 Frauen – ersteinmal gemeinsam erörtert was für Eigenschaften wir einem „mutigen Kind“ zuschreiben. Eine ziemlich lange Liste kam dabei raus, unter anderem Optimismus, (mentale) Stärke,  Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein, Unternehmunglust, Spontanität, Durchsetzungsvermögen, spricht Dinge offen an, Gerechtigkeitssinn etc. Also eine ziemliche Menge, was wir uns da von einem Kind wünschen (abgesehen davon, dass viele Eltern nicht mit diesen Eigenschaften bestückt sind).

Leider hat unsere Gesellschaft eine „Fehlerkultur“ entwickelt in der schon kleinen Kindern ständig vorgehalten wird, was sie alles nicht können – oder was sie alles schon können sollten („altersgemäße Entwicklung“ ab der ersten Untersuchung beim Kinderarzt etc. pp.). Denkt nur mal an Hausaufgaben: von 10 Rechenaufgaben ist eine falsch – was wird angestrichen? Worauf wird das Kind hingewiesen? Genau, auf den einzigen Fehler. Nicht etwa darauf, dass es ganze 9 Aufgaben total richtig gelöst hat. Das kann Kinder ganz schön ent-mutigen. Wir Eltern können ein er-mutigendes Umfeld schaffen und das Kind unterstützen, all die Eigenschaften zu erlagen, die wir „mutigen Kindern“ zuschreiben.

Die Logotherapie/Existenzanalyse (hier ein Link zu Wikipedia) basiert auf 5 Stützpfeilern:

1.Stützpfeiler: Positive Beziehungen

Als erstes erfährt ein Neugeborenes die Erkenntnis „Ich bin“ und die damit zusammenhängende Frage „Bin ich?“. Speziell nach der Geburt erlebt sich ein Kind nur durch andere. Die Frage „Bin ich?“ muss dem Kind immer beantwortet werden – was soviel heißt wie, bitte niemals das Kind schreien lassen, auch nicht, wenn es „nur“ Aufmerksamkeit will. Lässt man ein Kind schreien und es hört irgendwann auf, dann nur deshalb weil es aufgegeben hat (was für ein schrecklicher Gedanke, dass man ein Neugeborenes so weit bringt) – es hat gelernt „ich bin es nicht wert, dass man mich wahrnimmt“. Es folgt ein Selbstwertverlust.

Aber auch später kann man für positive Erfahrungen sorgen, z.B. durch Kommunikation. Viel mit dem Kind reden, auch außerhalb der Erziehungsebene. Sich also einfach mal mit dem Kind unterhalten. Gemeinsame Projekte umsetzen – das muss nicht gleich das gemeinsam gebaute Baumhaus sein, sondern können auch gemeinsam gesammelte Kastanien sein. Ganz wichtig fand ich: Verständnis für Fehler anderer wecken. Menschen machen Fehler. Alle. Das Kind kann lernen nach den Motiven zu fragen „Warum hat Max mich gehauen?“ (vielleicht weil ich ihm vorher das Auto weggenommen habe, und er sauer war?).

2. Stützpfeiler: Kompetenz

Die Erkenntnis „Ich kann“ und die sofort folgende Frage „kann ich?“. „Ich weiß, ich könnte es selbst, wenn man mich nur ließe“. Kerngedanke der sogenannten Trotzphase, oder Autonomiephase. Das Kind stellt fest, es kann selbst gewisse Dinge tun, und will dies sofort ausprobieren. Das sollte man so oft wie möglich auch zulassen – denn wenn ich meinem Kind den Wasserkrug aus der Hand reiße und selbst das Waser einschenke, sagt das deutlich aus „Das kannst du nicht“. „Ich kann etwas“ ist aber der zweite Stützpfeiler eines gesunden Selbstwertgefühls, und somit einer der Grundsteine für ein mutiges Kind. Gilt aber natürlich auch ganz besonders für Jugendliche: „Nicht alle Kinder sind gute Schüler, aber alle Schüler sind in etwas gut“ – rausfinden und benennen, was das Kind gut kann! „In diese Lebensbereiche sollten Sie ihr Kind hineinführen und es zur Leistung ermutigen. Nur auf diese Weise kann es die Erfahrung machen, etwas zu können“. Was im Grunde meine stetige Predigt widerspiegelt: Den Fokus auf das lenken, was man kann, nicht auf das, worin man kein Genie ist.

Super fand ich auch den Tipp, bei Kindern schon lösungsorientiertes Denken zu fördern. Ebenfalls eins meiner Themen, die ich immer wieder predige 😉 In vielen Familien findet die Kommunikation problemzentriert statt. Beispiel: Ein Kind will ein neues Fahrrad und hat sich schon eins ausgesucht. Problemzentrierte Antwort: Das ist viel zu teuer, so viel Geld haben wir nicht, das können wir uns nicht leisten, wie stellst du dir das vor? Diese Antwort entmutigt völlig und stellt vor einen imaginären unlösbaren Berg an Problemen. Lösungsorientierte Antwort: Das Fahrrad kostet 400€, wir haben 250€ zur Verfügung. Lass uns überlegen wie wir das beste daraus machen. Diese Antwort lässt ganz viele Möglichkeiten offen: Ein anderes kaufen, das gleiche gebraucht kaufen, weiter sparen etc. Ein mutiges Kind muss meiner Meinung nach lösungsorientiert denken, denn sonst steht es ständig vor dem imaginären Problem „Wie soll das gehen? Wie soll ich das schaffen?“ – und es liegt an uns, dem Kind diese Denkweise beizubringen.

3.Stützpfeiler: Ein guter Mensch sein

Die Erkenntnis „Ich kann ein guter Mensch sein“ und die darauf folgende Frage „Kann ich ein guter Mensch sein?“. Die Vorstellung, man sei ein schlechter Mensch oder habe einen schlechten Charakter entmutigt Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Man kann dem Kind von Anfang an beibrigen: Es gibt keine schlechten Menschen – es gibt nur Menschen, die schlechtes tun. Max ist nicht doof, weil er dich gehauen hat. Dass Max dich gehauen hat, ist doof. Man kann das Kind unterstützen, sich als „guten Menschen“ wahrzunehmen. Es um Hilfe bitten und sich anschließend dafür bedanken – Gutes wahrnehmen und auch benennen, statt still als selbstverständlich hinzunehmen. Und natürlich dem Kind, egal in welchem Alter, Gelegenheiten geben etwas Gutes zu tun.

Zum Thema „gut sein“ gehört auch, sich nicht ständig mit anderen zu vergleichen. Wenn sich ein sprachtalentiertes Kind mit lauter 1ern in den Fremdsprachen ständig mit dem Matheass der Klasse vergleicht, während es selbst nur eine 4 hat, wird es immer unglücklich sein anstatt seine eigene Leistung zu sehen.

4.Stützpfeiler: Orientierung (Werte und Ziele)

Ziele und Werte geben Orientierung, Halt und Schutz. Der Wille ein Ziel zu erreichen macht aktiv, die Verwirklichung von Zielen schafft Energie und Lebenskraft. Was ebenfalls wieder eine Grundvoraussetzung ist, um „mutig“ sein zu können. Dazu gehört für Eltern, ihre Werte selbst zu leben (also auch vorzuleben) und mit den Kindern darüber zu sprechen. Es ist auch hilfreich Kindern Geschichten von realen oder fiktiven Personen zu erzählen, die großes erreicht haben obwohl sie klein angefangen haben. Kinder haben andere Vorstellungen als Jugendliche, die wiederum ein ganz anderes Wertesystem als Erwachsene haben. Das jeweilige Wertesystem sollte nicht durch unsere eigenen Vorstellungen, die vermutlich davon abweichen, entwertet werden. Ziele müssen übrigens nicht immer riesig sein, eine Geburtstagsparty planen oder ein Abendessen organisieren (inkl. einkaufen und kochen) sind ebenso (Tages-)Ziele, die man gut erreichen kann.

5.Stützpfeiler: Lebensfreude und Lebenslust

Dazu stellte Claudia Frauenlob die Frage, wann wir das letzte mal etwas einfach nur zum Spaß gemacht haben. Etwas, was keinen Sinn gemacht hat, nicht für irgendwas gut war. Dazu ist erstaunlich wenigen etwas eingefallen! Lebenskraft entsteht u.a. durch die Erfahrung von Lebenslust und Lebensfreude. Wie kann man jetzt das seinem Kind vermitteln? In dem man Erlebnisse schafft, die Neugierde und Staunen anregen. Das ist bei ganz kleinen Kindern natürlich noch einfacher: Der erste Schnee, die ersten Kastanien etc. Es gibt für größere Kinder phantasiereiche Bücher und Geschichten, und genug Filme die auch Erwachsene ins Staunen versetzen (mir braucht man nur mal Harry Potter einschalten, hihi). Kreativität fördern durch basteln, und auch die Sinne trainieren – barfuß über eine nasse Wiese gehen oder mit verbundenen Augen Gerüche von Früchten raten lassen.

Die Erfahrung der Leichtigkeit soll gefördert werden – dabei fühlt sich jedes Kind in einer anderen Situation unbeschwert. Manche beim spielen mit anderen, manche beim spielen allein, oder bei einer bestimmten Sportart, oder beim lauthals singen etc. Finde heraus, wo dein Kind diese Unbeschwertheit fühlt, und fördere das!

Das war jetzt also die Vorstellung von den fünf Bereichen der Logotherapie, in denen Eltern viel für die positive Entwicklung ihrer Kinder tun können. Wenn Kinder in allen diesen Bereichen positive Erfahrungen sammeln können, möglichst von Anfang an – aber besser spät als nie, wachsen sie zu Persönlichkeiten mit einem gesunden Selbstwertgefühl heran, die mutig jede Situation meistern.

Wie gesagt, nicht meine ursprünglich erwartete Anleitung im Sinne von „Hat Kind Problem x, tue y“. Das wäre vielleicht auch zu einfach gewesen. Schließlich ist Mut ein weitgefasster Begriff – es erfordert gleichermaßen Mut, mit 3 alleine ins Badezimmer zu gehen als mit 13 für sich und seine Interessen einzustehen. Aber ein interessanter Ansatz ist es allemal, und ich habe vieles für mich mitnehmen können. Vorallem, dass ich auf einem ziemlich guten Weg bin 🙂

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