Das Mädchen und das Trampolin

to-keep-eyes-1952595_1920Es war einmal ein Mädchen, das wollte sich ein Trampolin kaufen. Damit sie darauf am Abend ein wenig herumhüpfen könnte, und auch ihrem Sohn würde es Spaß machen, dachte sie.

Eigentlich wollte sie sich ein neues kaufen, doch sie las in verschiedenen Rezensionen dass Trampoline schwer aufzubauen seinen, vorallem allein, und es einer Menge Muskelkraft bedürfe die Seile zu spannen. Nun fragte das Mädchen aber gar nicht gern um Hilfe und fürchtete, den Aufbau eventuell allein nicht zu schaffen. Etwas nicht zu schaffen und um Hilfe bitten müssen – zwei zusammenhängende Dinge, die dem Mädchen so ein richtiger Graus waren. Ersteres fühlte sich für sie wie Versagen an, und zweiteres hatte für sie etwas von Abhängigkeit. Und wenn sie irgendetwas hasste, dann war es von anderen Menschen abhängig zu sein. Denn sie wusste aus der Vergangenheit, dass es nicht einfach war sich auf andere Menschen zu verlassen.

Das Mädchen hielt sich also für sehr clever als sie beschloss sich ein neuwertiges aber gebrauchtes Trampolin zu kaufen. Dieses wäre dann schon zusammengebaut, und damit fiel der Punkt weg eventuell jemanden um Hilfe für den Aufbau bitten zu müssen. Und da sie sich vor einigen Monaten ein eigenes Auto gekauft hatte, müsste sie nicht einmal jemanden bitten das Trampolin mit ihr gemeinsam zu holen. Sie wäre auf nichts und niemanden angewiesen, und könnte alles ganz allein machen. Ganz genau so, wie sie es am liebsten mochte, und auch für notwendig hielt.

So machte sich das Mädchen also an einem Nachmittag mit ihrem Sohn gemeinsam auf, das Trampolin zu holen. Stolz wie ein Gockelhahn würde sie das auf ihrer imaginären „Was ich alles geschafft habe“ Liste notieren. Sie kaufte es einer Frau ab, trug es 4 Stockwerke zu Fuß hinunter, trug es zwei Straßen weiter, wo sie einen Parkplatz gefunden hatte. Sie öffnete die Autotür und stellte fest … Das Trampolin passte nicht ins Auto hinein! Nicht eine Sekunde hatte sie daran gezweifelt, dass ein kleines Trampolin nicht in ihr Auto passen könnte. Und nun stand sie da, es dämmerte schon, es hatte Minusgrade, Passanten drängelten sich zwischen dem Trampolin und den offenen Autotüren durch, der kleine Sohn fing langsam an sich über die Kälte zu beschweren. Und wie sie es drehte und wendete, es fehlten nur wenige Centimeter um das Trampolin durch die Tür zu bekommen, aber es ging einfach nicht. In ihr kroch dieses Gefühl hoch, dass sie so sehr hasste. Nicht allein weiter zu wissen, Hilfe zu brauchen. Jemanden bitten zu müssen. Die Gefahr, abgewiesen zu werden. Wie so oft, wenn sie jemanden um Hilfe bat.

Sie hatte sich für so schlau gehalten und gedacht, sie könne es alleine schaffen wenn sie ein fertig zusammengebautes Trampolin kauft. Und nun stand sie da, und brauchte erstrecht Hilfe. Und zwar nicht irgendwann, sondern JETZT. Das Leben kann echt ein Arschloch sein, dachte sie. Drei Freunde rief sie an, von denen sie wusste, dass diese größere Autos besaßen als sie (was im Grunde nicht schwer war, denn ihr Auto war wirklich klein). Alle drei hatten jedoch zu diesem Zeitpunkt keine Zeit bzw. keine Möglichkeit ihr zu helfen. Nun, sie wollte es ja unbedingt alleine schaffen, so war es kein Wunder – das Leben schien voller Hohn zu rufen „Sieh zu, wie du es jetzt ohne Hilfe schaffst, wenn du doch nie welche willst“. Sie erhielt den Tipp sich ein Taxi zu rufen, und letztlich tat sie das auch. Auch das endete in einem kleinen Chaos, denn der Taxifahrer nahm nicht nur das Trampolin mit, sondern kurzerhand auch gleich ihren Sohn, der nämlich nicht mehr aussteigen wollte. So fuhr sie mit ihrem kleinen Auto dem Taxi hinterher, verlor es, verfuhr sich, und kam eine gefühlte Ewigkeit später vor ihrer Haustür an. Immerhin hatte das Universum ihren Wunsch nach einem Parkplatz vor der Tür erfüllt.

Taxifahrer, Sohn und Trampolin warteten schon, sie bezahlte und überschlug kurz, ob es sich finanziell nicht doch ausgezahlt hätte gleich ein neues Trampolin zu kaufen. Bis ihr wieder einfiel, warum sie das nicht mehr in Erwägung gezogen hatte – sie wollte ja nicht auf Hilfe beim Aufbau angewiesen sein. Ha ha ha.

Wenn ich mich jetzt frage was das Mädchen wohl gelernt haben könnte, was könnte die Antwort sein? Lerne, früher um Hilfe zu bitten? Lerne, Hilfe anzunehmen? Oder doch eher, vergiss das mit der Hilfe, du musst sowieso immer alleine durch? Ich wäre geneigt dem Mädchen zu sagen: Schau, du willst immer alles allein schaffen. Du willst auf keinen Fall Hilfe annehmen müssen. Deshalb bekommst du auch selten welche! Weil du sie ablehnst!

Ich habe Das Mädchen hat definitiv noch ein ziemliches Thema mit, hmm, mit was genau eigentlich? Hilfe annehmen / Allein durchzumüssen / Sich auf andere verlassen. Da scheinen irgendwo noch alte Glaubenssätze verankert zu sein „Letztlich muss ich doch sowieso alles allein machen“ – und sie sucht unbewusst nach Bestätigungen. Das sie alleinerziehend ist, ist für sie die größte Bestätigung, die sie je für ihren Glaubenssatz erhalten hat.

Liebes Mädchen, da kommt ein großes Stück Arbeit auf dich zu. Bedanke dich bei dem Trampolin, dass es dir auf diese bescheuerte Art und Weise klar gemacht hat, dass du vor deiner Angst nicht davon laufen kannst. Egal was für vermeintlich schlaue Ideen du hast – sie überholt dich! Setze dich damit auseinander. Falls du Hilfe brauchst, gib mir Bescheid. Ich helfe dir!

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Ein Gedanke zu “Das Mädchen und das Trampolin

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